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Schweizerisches Bundesstaatsrecht

Zürcher Anwaltsprüfung (mündlich): Selektion von Repetitionsfragen. Exklusive Art. 26 BV (Eigentumsgarantie) und Art. 27 (Wirtschaftsfreiheit).

Subject
Society / Law
Language of creation
German
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Cards in this set

Card 181

Question

Wo ist das Willkürverbot sowie Treu und Glauben geregelt?

Answer

Art. 9 BV:

Jede Person hat Anspruch darauf, von den staatlichen Organen ohne Willkür und nach Treu und Glauben behandelt zu werden.

Art. 5 III BV:

Staatliche Organe und Private handeln nach Treu und Glauben.

Card 182

Question

Was ist der materielle Gehalt des Willkürverbots?

Answer

Generelle Funktion: Alle Rechtsunterworfenen in allen Bereichen staatlichen Handelns können sich darauf berufen.

Subsidiär: Kann erst angerufen werden, wenn man sich nicht auf ein anderes verfassungsmässiges Recht berufen kann (Auffanggrundrecht).

Rechtssetzung: Ein Erlass ist willkürlich, wenn er sich nicht auf ernsthafte sachliche Gründe stützen lässt oder sinn- und zwecklos ist (keine vergleichende Perspektive).

Rechtsanwendung (nach BGer): Willkür liegt vor, wenn der angefochtene kantonale Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz krass verletzt oder in stossender Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft. Zudem muss auch das Ergebnis unhaltbar sein.

Card 183

Question

Was ist bei der Durchsetzbarkeit des Willkürverbots zu beachten?

Answer

Beschwerden, die das Willkürverbot anrufen, müssen besonders gut begründet sein: Es ist im Einzelnen darzulegen, inwiefern das kantonale Gericht willkürlich entschieden haben soll und der angefochtene Entscheid deshalb an einem qualifizierten und offensichtlichen Mangel leidet.

Hohe Anforderungen an die Legitimation nach Art. 115 BGG im Rahmen der subsidiären Verfassungsbeschwerde. Die Norm, deren Anwendung als willkürlich gerügt wird, muss einen Rechtsanspruch einräumen oder den Schutz seiner angeblich verletzten Interessen bezwecken.

Bei der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ist der Anspruch vollumfänglich durchsetzbar (vgl. Art. 89 BGG; Kein geschütztes rechtliches Interesse).

Card 184

Question

Was ist der Konnex zwischen dem Willkürverbot nach Art. 9 BV und der Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns nach Art. 5 II BV?

Answer

Wenn eine Norm oder eine Massnahme extrem unverhältnismässig ist, dürfte sie i.d.R. auch willkürlich sein. Das BGer schreitet ausserhalb von Grundrechtseingriffen (Art. 36 III BV) wegen Verletzung des Verhältnismässigkeitsgebots nur dann ein, wenn die kantonalrechtliche Anordnung offensichtlich unverhältnismässig ist und damit gleichzeitig gegen das Willkürverbot verstösst.

Card 185

Question

Was ist der materielle Gehalt von Treu und Glauben nach Art. 9/Art. 5 III BV?

Answer

Dieser Grundsatz verleiht einer Person Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrauens in behördliche Zusicherungen oder sonstiges, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der Behörden. Umfasst werden:

  • Verbot widersprüchlichen Verhaltens
  • Rechtsmissbrauchsverbot
  • Vertrauensschutz
  • Schutz des Vertrauens in behördliche Auskünfte und Zusicherungen

Card 186

Question

Womit kann die Berufung auf Treu und Glauben kollidieren?

Answer

Art. 8 I BV: Rechtsgleichheit

Art. 5 I BV: Legalitätsprinzip

Card 187

Question

Welche Voraussetzungen müssen für die Berufung auf Treu und Glauben bzw. den Vertrauensschutz nach Art. 9/Art. 5 III BV gegeben sein?

Answer

  • Vertrauensgrundlage: Verfügung, Vertrag, falsche Auskunft, unrichtige Rechtsmittelbelehrung (vgl. auch Art. 49 BGG)
  • Berechtigtes Vertrauen: Der Rechtsunterworfene hat sich in guten Treuen auf die Vertrauensgrundlage gestützt und durfte dies auch tun.
  • Vertrauensbetätigung: Vornahme einer bestimmten Handlung
  • Nachteil: Die Disposition kann nicht mehr ohne Nachteil rückgängig gemacht werden
  • Interessenabwägung: Keine gewichtigen öffentlichen Interessen

 

Card 188

Question

Was ist rechtsmissbräuchliches Verhalten staatlicher Behörden? Mache ein Beispiel.

Answer

Zweckwidrige Verwendung eines Rechtsinstituts zur Verwirklichung von Interessen, die dieses Rechtsinstitut nicht schützen will.

Beispiel: Nachteile einer neuen Rechtsordnung, wenn die von der Behörde zu verantwortende ungebührlich lange Verfahrensdauer zur Folge hatte, dass das neue Recht noch vor dem Entscheid in Kraft treten konnte.

Card 189

Question

Was beinhaltet der Vertrauensschutz gegenüber dem Gesetzgeber?

Answer

Kein Recht auf "ewigen Bestand" von Gesetzen oder Verordnungen.

Kollision mit dem Rückwirkungsverbot oder wohlerworbenen Rechten ist möglich.

Angemessene Übergangsregelung ist daher i.d.R. sinnvoll.

Card 190

Question

Welche Rechtsfolgen könne sich bei einer Verletzung des Grundsatzes von Treu und Glauben ergeben?

Answer

Aufhebung des grundrechtswidrigen Aktes.

Behandlung des Falles in Abweichung vom Gesetz.

Wiederherstellung von Fristen.

Einführung einer Übergangsfrist oder einer Übergangsregelung.

Finanzieller Ausgleich für den erlittenen Schaden.

Card 191

Question

Wo befinden sich die Verfahrensgrundrechte?

Answer

Art. 29 bis 32 BV

Art. 188 ff. BV

Internationale Garantien: Art. 5, 6, 7 EMRK

Card 192

Question

Wo geht die EMRK weiter als die BV?

Answer

Anspruch auf mündliche Verhandlung in einem Streit über sog. "civil rights" (Art. 6 I EMRK).

Card 193

Question

Was ist der sachliche Schutzbereich der Rechtsweggarantie (Art. 29a BV)?

Answer

Gemäss Art. 29a BV hat jede Person bei Rechtsstreitigkeiten Anspruch auf Beurteilung durch eine richterliche Behörde.

Das bedeutet: Anfechtung einer individuell-konkreten Anordnung, nicht aber die direkte (abstrakte) Anfechtung von Gesetzen.

Realakte (vgl. Art. 25a VwVG; Rechtsschutz auch über Art. 13 EMRK).

Mindestens ein Gericht muss Fragen des Sachverhalts und Rechtsfragen prüfen können. Nicht erforderlich ist die umfassend Prüfung von Ermessensfragen.

Card 194

Question

Beschreibe Ausnahmen und Einschränkungen von Art. 29a I BV.

Answer

Art. 29a II BV:

Bund und Kantone können in Ausnahmefällen die richterliche Beurteilung ausschliessen. Das BGer wendet die Voraussetzungen von Art. 36 BV an.

BV sieht zudem selbst Ausnahmen vor: Akte der Bundesversammlung und des Bundesrats (z.B. Rahmenbewilligung für AKW, Stimmrechtsangelegenheiten).

Ausnahmen in Art. 32 VGG: Z.B. leistungsabhängige Lohnanteile des Bundespersonals (lit. c).

Für die Kantone: Entscheide mit vorwiegend politischem Charakter (Art. 86 III BGG).

Card 195

Question

Gibt es einen Anspruch auf höchstrichterlichen Rechtschutz?

Answer

Nein, die Rechtsweggarantie muss grundsätzlich nur einmal im Instanzenzug eingelöst werden. Es besteht auch kein Anspruch auf Beurteilung durch das BGer.

Beachte aber für den Strafprozess Art. 32 III BV: Jede verurteilte Person hat das Recht, das Urteil von einem höheren Gericht überprüfen zu lassen. Ausgenommen sind die Fälle, in denen das Bundesgericht als einzige Instanz urteilt.

Card 196

Question

Welche internationale Bestimmungen zur Rechtsweggarantie sind zu nennen?

Answer

Art. 6 EMRK (Recht auf ein faires Verfahren)

Art. 13 EMRK (Recht auf wirksame Beschwerde)

Art. 14 I UNO-Pakt II

Art. 11 III FZA (Behandlung von Beschwerden)

Card 197

Question

Was gewährleistet Art. 13 EMRK?

Answer

Möglichkeit, bei einer mindestens vertretbar behaupteten Verletzung eines durch die EMRK garantierten Rechts eine wirksame Beschwerde erheben zu können.

Art. 13 EMRK verlangt keine gerichtliche Beurteilung.

Anwendbarkeit v.a. bei kantonalen Realakten.

Card 198

Question

Was gewährleistet Art. 6 I EMRK?

Answer

Garantiert, dass über zivilrechtliche Ansprüche und strafrechtliche Anklagen von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht entschieden wird.

"Zivilrechtliche Ansprüche": Auch dem Verwaltungsrecht zugeordnete Angelegenheiten (z.B. sozialversicherungsrechtliche Ansprüche).

Card 199

Question

Wo finden sich die Verfahrensgarantien in der BV?

Answer

Art. 29, 30, 31 und 32 BV.

Zentraler Anspruch: Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 II BV).

Art. 30 BV: Weitere Verfahrensgarantien.

Art. 31, 32 BV: Besondere Rechte im Fall eines Freiheitsentzugs sowie im Strafverfahren.

Card 200

Question

Was ist der Gehalt des Rechts auf ein faires Verfahren?

Answer

Art. 29 I BV: Jede Person hat in Verfahren vor Gerichts- und Verwaltungsinstanzen Anspruch auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf Beurteilung innert angemessener Frist.

Dies umfasst folgendes:

  • Verbot der Rechtsverweigerung oder -verzögerung
  • Verbot des überspitzten Formalismus
  • Unabhängige und unparteiische Beurteilung

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