Back to overview

Allgemeines Bundesverwaltungsrecht

Zürcher Anwaltsprüfung (mündlich): Selektion von Repetitionsfragen zum Allgemeinen Bundesverwaltungsrecht.

Subject
Society / Law
Language of creation
German
199 flashcards No ratings yet 0 views
Add to my sets

Sign in to add this set to your collection. You will return here afterwards.

Cards in this set

Card 21

Question

Wie ist der zeitliche Geltungsbereich zu bestimmen, wenn es an einer gesetzlichen Regelung fehlt?

Answer

Es muss aufgrund allgemeiner Grundsätze über das anwendbare Recht entschieden werden.

BGer-Praxis ist uneinheitlich. Häfelin/Müller/Uhlmann:

Rechtsänderungen nach dem erstinstanzlichen Entscheid sollten nur dann berücksichtigt werden, wenn sie auch einen Widerruf rechtfertigen würden. Grenze ist jedefalls bei Treu und Glauben (z.B. im Falle einer Verschleppung).

Card 22

Question

Was bedeutet Vorwirkung?

Answer

Ein Erlass zeitigt Rechtswirkungen, obwohl er noch nicht in Kraft getreten ist. Folgende Szenarien existieren:

  • Zukünftiges Recht wird bereits wie geltendes Recht angewendet (positive Vorwirkung)
  • Die Anwendung des alten Rechts wird ausgesetzt, bis das neue Recht in Kraft tritt (negative Vorwirkung)

Card 23

Question

Ist die positive Vorwirkung zulässig?

Answer

Nein, und zwar auch dann, wenn dafür eine besondere gesetzliche Grundlage besteht. Dagegen sprechen das Legalitätsprinzip und der Grundsatz der Rechtssicherheit (keine Voraussehbarkeit, ob und wann eine Regelung in Kraft tritt).

BGer macht aber Ausnahmen bei geringfügigen Vorwirkungen (z.B. zur Vermeidung eines widersinnigen administrativen Leerlaufs, geringfügige Vorwirkungen von Verfahrensvorschriften).

Card 24

Question

Ist die negative Vorwirkung zulässig?

Answer

Negative Vorwirkung ist nur zulässig, wenn sie vom geltenden Recht vorgesehen ist. Praxis verlangt auch, dass die übrigen Voraussetzungen für die echte Rückwirkung gegeben sind:

  • zeitlich mässige Geltung
  • Triftige Gründe
  • Vermeidung von Rechtsungleichheiten
  • Beachtung von wohlerworbenen Rechten

Schranke ist immer das Verbot der Rechtsverzögerung.

Card 25

Question

Wie gestaltet sich die rechtliche Durchsetzung der Grundsätze rechtstaatlichen Handelns?

Answer

Beschwerde an das BVGer: Art. 31 ff. VGG

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten: Art. 82 ff. BGG. Verhältnismässigkeitsgebot bei der Anwendung kantonalen Rechts nur, sofern offensichtliche Unverhältnismässigkeit und damit Verletzung des Willkürverbots.

Es handelt sich grundsätzlich nicht um verfassungsmässige Rechte, womit die Verletzung nicht selbständig mit subsidiärer Verfassungsbeschwerde (Art. 113 ff., 116 BGG) geltend gemacht werden kann.

Verfassungsmässige Rechte sind aber: Legalitätsprinzip im Abgaberecht, Rechtsgleichheitsgebot, Vertrauensschutzprinzip, Gewaltenteilungsprinzip, Willkürverbot.

Card 26

Question

Was bedeutet das Legalitätsprinzip? Welche Teilgehalte umfasst es?

Answer

Alle Verwaltungstätigkeit ist an das Gesetz gebunden. Regelung in Art. 5 I BV, Art. 36 I BV und Art. 127 BV (für Steuern).

Erfordernis des Rechtsatzes: Generell-abstrakte Norm, die genügend bestimmt ist.

Erfordernis der genügenden Bestimmtheit des Rechtsatzes: Handeln muss voraussehbar und rechtsgleich sein, keine Blankettermächtigungen. BGer: Das Gesetz muss so präzise sein, dass der Bürger sein Verhalten danach einichten und die Folgen eines bestimmten Verhaltens mit einem den Umständen entsprechenden Grad an Gewissheit erkennen kann.

Erfordernis der Gesetzesform: Die wichtigen Rechtsnormen müssen in einem Gesetz enthalten sein.

 

Card 27

Question

Welche Arten des Ermessens existieren?

Answer

Entschliessungsermessen (Teil des Rechtsfolgeermessens): Spielraum beim Entscheid, ob eine Massnahme zu treffen sei oder nicht (z.B. Art. 1 I EntG, Erteilung von Konzessionen, Ausnahmen im Baurecht etc.).

Auswahlermessen (Teil des Rechtsfolgeermessens): Wahl verschiedener Massnahmen oder hinsichtlich näherer Ausgestaltung einer Massnahme (z.B. Disziplinarmassnahmen).

Tatbestandsermessen: Beurteilung der Voraussetzungen für den Eintritt der Rechtsfolgen (Tatbestand).

Card 28

Question

Woran sind die Verwaltungsbehörden bei der Ausübung von Ermessen verpflichtet?

Answer

Pflichtgemässes Ermessen: Bindung an Verfassung, d.h. Rechtsgleichheitsgebot, Verhältnismässigkeitsprinzip, Wahrung öffentlicher Interessen.

Der Entscheid muss nicht nur rechtmässig, sondern auch agemessen (zweckmässig) sein.

Card 29

Question

Was ist ein unbestimmter Rechtsbegriff?

Answer

Rechtssatz umschreibt die Voraussetzungen der Rechtsfolge oder die Rechtsfolge in offener, unbestimmter Weise.

Neuere Lehrmeinung (berücksichtigt vom BVGer): Massgeblich ist, ob die Anwendung einer offenen Normierung nach Sinn und Zweck des Gesetzes von einem Gericht soll überprüft werden können oder nicht (Auflösung der Unterscheidung zwischen Tatbestand und Rechtsfolge).

Card 30

Question

Welche Ermessensfehler gibt es (gemäss der herrschenden Lehre)?

Answer

Unangemessenheit

Ermessensmissbrauch

Überschreitung des Ermessens

Unterschreiten des Ermessens

Card 31

Question

Was bedeutet Unangemessenheit einer Entscheidung?

Answer

Entscheid ist innerhalb des Ermessensspielraums und beachtet die Verfassungsprinzipien sowie Sinn und Zweck der gesetzlichen Ordnung. Das Ermessen wurde aber unzweckmässig gehandhabt. Es liebt keine Rechtsverletzung vor.

Card 32

Question

Was bedeutet Ermessensmissbrauch?

Answer

Ermessensmissbrauch liegt vor, wenn die im Rechtssatz umschriebenen Voraussetzungen und Grenzen des Ermessens zwar beachtet worden sind, aber das Ermessen:

  • nach unsachlichen, dem Zweck der massgebenden Vorschriften fremden Gesichtspunkten getätigt wird; oder
  • allgemeine Rechtsprinzipien (Willkürverbot, Rechtsgleichheitsgebot, Treu und Glauben, Verhältnismässigkeit) verletzt werden.

Es handelt sich um eine Rechtsverletzung.

Card 33

Question

Was ist eine Ermessensüberschreitung?

Answer

Eine Ermessensüberschreitung liegt vor, wenn das Ermessen in einem Bereich ausgeübt wird, in dem der Rechtssatz kein Ermessen eingeräumt hat.

Card 34

Question

Was ist eine Ermessensunterschreitung?

Answer

Eine Ermessensunterschreitung liegt vor, wenn die entscheidende Behörde sich als gebunden betrachtet, obschon ihr vom Rechtssatz Ermessen eingeräumt wird, oder wenn sie auf die Ermessensausübung ganz oder teilweise zum Vorherein verzichtet.

Card 35

Question

Was ist zur gerichtlichen Beurteilung der Ermessensfehler zu sagen?

Answer

Den Verwaltungsgerichten ist regelmässig nur Rechtskontrolle gestattet (anders: BVGer, Art. 37 VGG i.V.m. Art. 46 lit. c VwVG). Eine Kontrolle der Unangemessenheit ist nicht möglich.

Falls eine Verwaltungsbehörde als Rechtsmittelinstanz waltet (verwaltungsinterne Rechtspflege), so ist diese i.d.R. nicht auf Rechtskontrolle beschränkt (vgl. Art. 49 lit. c VwVG).

Card 36

Question

Was ist ein Sonderstatusverhältnis?

Answer

Eine Person steht in einer engeren Rechtsbeziehung zum Staat als übrige Menschen, womit sich besondere Pflichten und Einschränkungen der Freiheitsrechte ergeben.

Card 37

Question

Wie ist das Verhältnis zwischen einem Sonderstatusverhältnis und dem Gesetzmässigkeitprinzips?

Answer

An das Legalitätsprinzip werden weniger hohe Anforderungen gestellt. Die Art des Sonderstatus ist zu berücksichtigen (z.B. freiwillig vs. zwangsweise). Die Anforderungen sind aber nur für solche Grundrechtseinschränkungen geringer, die sich in voraussehbarer Weise aus dem Zweck des Sonderstatusverhältnisses ergeben.

Erfordernis des Rechtssatzes: Geringere Bestimmtheit (Generalklauseln, relativ offene Normierung).

Erfordernis der Gesetzesform: Schwere Grundrechtseingriffe, Voraussetzungen und rechtlichen Auswirkungen.

Card 38

Question

Wann ist eine Praxisänderung unter Berücksichtigung des Rechtsgleichheitsgebots und des Grundsatzes der Rechtssicherheit zulässig?

Answer

Ernsthafte und sachliche Gründe für die neue Praxis, z.B.:

  • Bessere Kenntnis der gesetzgeberischen Absichten
  • Rechtfertigung der künftigen Entwicklung und der damit einhergehenden Gefahren

Änderung muss grundsätzlich erfolgen.

Das Interesse an der richtigen Rechtsanwendung muss gegenüber demjenigen an der Rechtssicherheit überwiegen: Dies ist nur gegeben, wenn ernsthafte und sachliche Gründe vorliegen (siehe oben).

Kein Verstoss gegen Treu und Glauben: Bei Verfahrensfragen darf im Falle einer fehlenden Vorwarnung kein Rechtsnachteil entstehen.

Card 39

Question

Gibt es einen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht?

Answer

Das Legalitätsprinzip geht dem Rechtsgleichheitsprinzip in der Regel vor. Dies gilt, wenn eine abweichende Behandlung in einem einzigen oder in einigen wenigen Fällen stattfand.

Ausnahme: Eigentliche ständige gesetzeswidrige Praxis, die Behörde lehnt es ab, diese aufzugeben, und es stehen keine gewichtigen öffentlichen Interessen oder das berechtigte Interesse eines privaten Dritten an gesetzmässiger Rechtsanwendung entgegen.

Card 40

Question

Mache Beispiele für die Verletzung des Willkürverbots (Art. 9 BV).

Answer

Grobe Fehler bei der Sachverhaltsermittlung.

Offensichtliche Gesetzesverletzung (bzw. bei Nichtanwendung).

Offensichtliche Missachtung eines allgemeinen Rechtsgrundsatzes oder eines tragenden Grundgedankens.

Grobe Ermessensfehler.

Bei inneren, nicht auflösbaren Widersprüchen.

Stossender Widerspruch zum Gerechtigkeitsgedanken.

How to use this set

Read the preview and check whether the content and answers suit your learning goal. You can add the public set to your sets to study it. Your account shows the available actions.

Rejoining the server...

Rejoin failed... trying again in seconds.

Failed to rejoin.
Please retry or reload the page.

The session has been paused by the server.

Failed to resume the session.
Please reload the page.