Wie ist der zeitliche Geltungsbereich zu bestimmen, wenn es an einer gesetzlichen Regelung fehlt?
Answer
Es muss aufgrund allgemeiner Grundsätze über das anwendbare Recht entschieden werden.
BGer-Praxis ist uneinheitlich. Häfelin/Müller/Uhlmann:
Rechtsänderungen nach dem erstinstanzlichen Entscheid sollten nur dann berücksichtigt werden, wenn sie auch einen Widerruf rechtfertigen würden. Grenze ist jedefalls bei Treu und Glauben (z.B. im Falle einer Verschleppung).
Card 22
Question
Was bedeutet Vorwirkung?
Answer
Ein Erlass zeitigt Rechtswirkungen, obwohl er noch nicht in Kraft getreten ist. Folgende Szenarien existieren:
Zukünftiges Recht wird bereits wie geltendes Recht angewendet (positive Vorwirkung)
Die Anwendung des alten Rechts wird ausgesetzt, bis das neue Recht in Kraft tritt (negative Vorwirkung)
Card 23
Question
Ist die positive Vorwirkung zulässig?
Answer
Nein, und zwar auch dann, wenn dafür eine besondere gesetzliche Grundlage besteht. Dagegen sprechen das Legalitätsprinzip und der Grundsatz der Rechtssicherheit (keine Voraussehbarkeit, ob und wann eine Regelung in Kraft tritt).
BGer macht aber Ausnahmen bei geringfügigen Vorwirkungen (z.B. zur Vermeidung eines widersinnigen administrativen Leerlaufs, geringfügige Vorwirkungen von Verfahrensvorschriften).
Card 24
Question
Ist die negative Vorwirkung zulässig?
Answer
Negative Vorwirkung ist nur zulässig, wenn sie vom geltenden Recht vorgesehen ist. Praxis verlangt auch, dass die übrigen Voraussetzungen für die echte Rückwirkung gegeben sind:
zeitlich mässige Geltung
Triftige Gründe
Vermeidung von Rechtsungleichheiten
Beachtung von wohlerworbenen Rechten
Schranke ist immer das Verbot der Rechtsverzögerung.
Card 25
Question
Wie gestaltet sich die rechtliche Durchsetzung der Grundsätze rechtstaatlichen Handelns?
Answer
Beschwerde an das BVGer: Art. 31 ff. VGG
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten: Art. 82 ff. BGG. Verhältnismässigkeitsgebot bei der Anwendung kantonalen Rechts nur, sofern offensichtliche Unverhältnismässigkeit und damit Verletzung des Willkürverbots.
Es handelt sich grundsätzlich nicht um verfassungsmässige Rechte, womit die Verletzung nicht selbständig mit subsidiärer Verfassungsbeschwerde (Art. 113 ff., 116 BGG) geltend gemacht werden kann.
Verfassungsmässige Rechte sind aber: Legalitätsprinzip im Abgaberecht, Rechtsgleichheitsgebot, Vertrauensschutzprinzip, Gewaltenteilungsprinzip, Willkürverbot.
Card 26
Question
Was bedeutet das Legalitätsprinzip? Welche Teilgehalte umfasst es?
Answer
Alle Verwaltungstätigkeit ist an das Gesetz gebunden. Regelung in Art. 5 I BV, Art. 36 I BV und Art. 127 BV (für Steuern).
Erfordernis des Rechtsatzes: Generell-abstrakte Norm, die genügend bestimmt ist.
Erfordernis der genügenden Bestimmtheit des Rechtsatzes: Handeln muss voraussehbar und rechtsgleich sein, keine Blankettermächtigungen. BGer: Das Gesetz muss so präzise sein, dass der Bürger sein Verhalten danach einichten und die Folgen eines bestimmten Verhaltens mit einem den Umständen entsprechenden Grad an Gewissheit erkennen kann.
Erfordernis der Gesetzesform: Die wichtigen Rechtsnormen müssen in einem Gesetz enthalten sein.
Card 27
Question
Welche Arten des Ermessens existieren?
Answer
Entschliessungsermessen (Teil des Rechtsfolgeermessens): Spielraum beim Entscheid, ob eine Massnahme zu treffen sei oder nicht (z.B. Art. 1 I EntG, Erteilung von Konzessionen, Ausnahmen im Baurecht etc.).
Auswahlermessen (Teil des Rechtsfolgeermessens): Wahl verschiedener Massnahmen oder hinsichtlich näherer Ausgestaltung einer Massnahme (z.B. Disziplinarmassnahmen).
Tatbestandsermessen: Beurteilung der Voraussetzungen für den Eintritt der Rechtsfolgen (Tatbestand).
Card 28
Question
Woran sind die Verwaltungsbehörden bei der Ausübung von Ermessen verpflichtet?
Der Entscheid muss nicht nur rechtmässig, sondern auch agemessen (zweckmässig) sein.
Card 29
Question
Was ist ein unbestimmter Rechtsbegriff?
Answer
Rechtssatz umschreibt die Voraussetzungen der Rechtsfolge oder die Rechtsfolge in offener, unbestimmter Weise.
Neuere Lehrmeinung (berücksichtigt vom BVGer): Massgeblich ist, ob die Anwendung einer offenen Normierung nach Sinn und Zweck des Gesetzes von einem Gericht soll überprüft werden können oder nicht (Auflösung der Unterscheidung zwischen Tatbestand und Rechtsfolge).
Card 30
Question
Welche Ermessensfehler gibt es (gemäss der herrschenden Lehre)?
Answer
Unangemessenheit
Ermessensmissbrauch
Überschreitung des Ermessens
Unterschreiten des Ermessens
Card 31
Question
Was bedeutet Unangemessenheit einer Entscheidung?
Answer
Entscheid ist innerhalb des Ermessensspielraums und beachtet die Verfassungsprinzipien sowie Sinn und Zweck der gesetzlichen Ordnung. Das Ermessen wurde aber unzweckmässig gehandhabt. Es liebt keine Rechtsverletzung vor.
Card 32
Question
Was bedeutet Ermessensmissbrauch?
Answer
Ermessensmissbrauch liegt vor, wenn die im Rechtssatz umschriebenen Voraussetzungen und Grenzen des Ermessens zwar beachtet worden sind, aber das Ermessen:
nach unsachlichen, dem Zweck der massgebenden Vorschriften fremden Gesichtspunkten getätigt wird; oder
allgemeine Rechtsprinzipien (Willkürverbot, Rechtsgleichheitsgebot, Treu und Glauben, Verhältnismässigkeit) verletzt werden.
Es handelt sich um eine Rechtsverletzung.
Card 33
Question
Was ist eine Ermessensüberschreitung?
Answer
Eine Ermessensüberschreitung liegt vor, wenn das Ermessen in einem Bereich ausgeübt wird, in dem der Rechtssatz kein Ermessen eingeräumt hat.
Card 34
Question
Was ist eine Ermessensunterschreitung?
Answer
Eine Ermessensunterschreitung liegt vor, wenn die entscheidende Behörde sich als gebunden betrachtet, obschon ihr vom Rechtssatz Ermessen eingeräumt wird, oder wenn sie auf die Ermessensausübung ganz oder teilweise zum Vorherein verzichtet.
Card 35
Question
Was ist zur gerichtlichen Beurteilung der Ermessensfehler zu sagen?
Answer
Den Verwaltungsgerichten ist regelmässig nur Rechtskontrolle gestattet (anders: BVGer, Art. 37 VGG i.V.m. Art. 46 lit. c VwVG). Eine Kontrolle der Unangemessenheit ist nicht möglich.
Falls eine Verwaltungsbehörde als Rechtsmittelinstanz waltet (verwaltungsinterne Rechtspflege), so ist diese i.d.R. nicht auf Rechtskontrolle beschränkt (vgl. Art. 49 lit. c VwVG).
Card 36
Question
Was ist ein Sonderstatusverhältnis?
Answer
Eine Person steht in einer engeren Rechtsbeziehung zum Staat als übrige Menschen, womit sich besondere Pflichten und Einschränkungen der Freiheitsrechte ergeben.
Card 37
Question
Wie ist das Verhältnis zwischen einem Sonderstatusverhältnis und dem Gesetzmässigkeitprinzips?
Answer
An das Legalitätsprinzip werden weniger hohe Anforderungen gestellt. Die Art des Sonderstatus ist zu berücksichtigen (z.B. freiwillig vs. zwangsweise). Die Anforderungen sind aber nur für solche Grundrechtseinschränkungen geringer, die sich in voraussehbarer Weise aus dem Zweck des Sonderstatusverhältnisses ergeben.
Erfordernis des Rechtssatzes: Geringere Bestimmtheit (Generalklauseln, relativ offene Normierung).
Erfordernis der Gesetzesform: Schwere Grundrechtseingriffe, Voraussetzungen und rechtlichen Auswirkungen.
Card 38
Question
Wann ist eine Praxisänderung unter Berücksichtigung des Rechtsgleichheitsgebots und des Grundsatzes der Rechtssicherheit zulässig?
Answer
Ernsthafte und sachliche Gründe für die neue Praxis, z.B.:
Bessere Kenntnis der gesetzgeberischen Absichten
Rechtfertigung der künftigen Entwicklung und der damit einhergehenden Gefahren
Änderung muss grundsätzlich erfolgen.
Das Interesse an der richtigen Rechtsanwendung muss gegenüber demjenigen an der Rechtssicherheit überwiegen: Dies ist nur gegeben, wenn ernsthafte und sachliche Gründe vorliegen (siehe oben).
Kein Verstoss gegen Treu und Glauben: Bei Verfahrensfragen darf im Falle einer fehlenden Vorwarnung kein Rechtsnachteil entstehen.
Card 39
Question
Gibt es einen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht?
Answer
Das Legalitätsprinzip geht dem Rechtsgleichheitsprinzip in der Regel vor. Dies gilt, wenn eine abweichende Behandlung in einem einzigen oder in einigen wenigen Fällen stattfand.
Ausnahme: Eigentliche ständige gesetzeswidrige Praxis, die Behörde lehnt es ab, diese aufzugeben, und es stehen keine gewichtigen öffentlichen Interessen oder das berechtigte Interesse eines privaten Dritten an gesetzmässiger Rechtsanwendung entgegen.
Card 40
Question
Mache Beispiele für die Verletzung des Willkürverbots (Art. 9 BV).
Answer
Grobe Fehler bei der Sachverhaltsermittlung.
Offensichtliche Gesetzesverletzung (bzw. bei Nichtanwendung).
Offensichtliche Missachtung eines allgemeinen Rechtsgrundsatzes oder eines tragenden Grundgedankens.
Grobe Ermessensfehler.
Bei inneren, nicht auflösbaren Widersprüchen.
Stossender Widerspruch zum Gerechtigkeitsgedanken.
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